Wallis, John, britischer Mathematiker, * 23.11.1616 in Ashford, † 8.11.1703 in Oxford. Erfand die Arithmetik unendlicher Zahlenfolgen und führte die ►Lemniskate als Symbol für das potentiell Unendliche ein.

John Wallis wird am 23. November 1616 in der Familie eines englischen Landgeistlichen geboren. Er geht zuerst in Ashford zur Schule und wechselt, als 1625 in der Gegend die Pest ausbricht, auf James Movats Grammatikschule in Kent. Obwohl er sich laut seiner Autobiographie mit 13 Jahren für universitätsreif erklärt, muss er noch bis 1632 die Schulbank drücken und sein Latein, Griechisch und Hebräisch vervollkommnen.

Mathematik lernte man damals nicht auf der Schule. Sie galt als Fertigkeit von Händlern, Zimmerleuten, Landvermessern oder dergleichen, eines Gentleman unwürdig. Dennoch ist John sofort fasziniert, als ihm 1631 ein Arithmetik-Buch in die Hände fällt. Mathematik wird fortan seine Freizeitbeschäftigung. 1632, gerade 16 geworden, tritt er in das Emmanual College in Cambridge ein.

Auch dort wird zu seinem Missvergnügen keine Mathematik gelehrt. So verlegt er sich stattdessen auf das Studium von Ethik, Metaphysik, Geographie, Astronomie, Medizin und Anatomie. Öffentlich verteidigt er als erster die revolutionäre Idee seines Anatomieprofessors Francis Glisson vom Blutkreislauf. 1637 macht er sein Diplom, 1640 den Doktortitel. Nach seinem Abschluss erhält er die Priesterweihe vom Bischof von Winchester und wird Kaplan – eine nicht ungewöhnliche Laufbahn eines englischen Akademikers im 17. Jahrhundert.

1642 ereignet sich etwas, das sein Leben grundlegend verändern soll. In England tobt der Bürgerkrieg zwischen König und Parlament. Wallis, der auf der parlamentarischen Seite steht, wird eine abgefangene verschlüsselte Nachricht der Royalisten vorgelegt. In zwei Stunden hat er den Code geknackt – es geht um die Einnahme von Chichester. Dieses Ereignis bestimmt seinen weiteren Berufsweg. Wallis wird zum ersten professionellen Kryptographen. Er benutzt seine Fähigkeit, für die Parlamentarier verschlüsselte Botschaften der Royalisten zu entziffern.

Der Lohn, in Form eines gutdotierten Kirchenposten und einer Mitgliedschaft im Queen's College in Cambridge, lässt nicht lange auf sich warten. Wallis ist nun finanziell unabhängig. 1645 beginnt er wöchentliche Treffen mit gleichgesinnten Akademikern in seiner Londoner Wohnung abzuhalten. Diese Gruppe wird zur Keimzelle der späteren Royal Society, der ersten naturwissenschaftlichen Gesellschaft. Es gibt strenge Regeln bei diesen Treffen. Diskussionen über Religion, Politik oder alltägliche Neuigkeiten sind verboten. Man befasst sich ausschließlich mit wissenschaftlichen Themen und Experimenten, zu denen jeder wöchentlich etwas beitragen muss.

In diesen Treffen wird die Auffassung von empirischer Wissenschaft, so wie wir sie heute kennen (s. ►Naturgesetze), geboren. Wallis verlegt sich natürlich auf die Mathematik. Er referiert über Winkelrechnung und erfindet eine Methode, Gleichungen vierten Grades zu lösen. Oliver Cromwell, Führer der Parlamentarier, verschafft ihm 1649 einen Lehrstuhl für Geometrie in Oxford, den Savilian Chair. Wallis' Vorgänger auf diesem Posten hatte das Pech, Royalist zu sein.

Wenngleich Wallis den Savilian Chair aus politischem Kalkül erhalten hatte, sollte er sich seiner im folgenden halben Jahrhundert bis zu seinem Tod 1703 mehr als würdig erweisen. 1656 veröffentlicht er die Arithmetica Infinitorum, die ihn europaweit bekannt macht und zu einem mathematischen Standardwerk avanciert. In diesem Buch, das sich mit unendli­chen Zahlenreihen befasst, führt er erstmals das Unendlichkeitssymbol  ein. Auch entwickelt er dort das Wallis'sche Produkt, mit dem man näherungsweise die Kreiszahl Pi berechnen kann.

1660 wird Cromwell geschlagen, Charles II. kommt auf den Thron. Der König hält Wallis zugute, dass dieser zwölf Jahre zuvor eine Petition gegen die Hinrichtung Charles I. unterzeichnet hatte. Wallis behält nicht nur die Professorenstelle, Charles II. ernennt ihn sogar zum königlichen Kaplan.

Unbeeindruckt von politischen Wirren kann Wallis daher weiter an seinen mathematischen Studien arbeiten. Er befasst sich mit negativen Wurzeln und ►Komplexen Zahlen, entwickelt Methoden für Kegelschnitte und leitet die Gesetze für den inelastischen Stoß ab, mit denen noch heute Schüler im Physikunterricht konfrontiert werden. In der Tradition eines wahren Universalgelehrten veröffentlicht er in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch Werke über Religion, Etymologie, Grammatik und Logik. Er rekonstruiert Texte von Ptolemäus, Aristarchus und Archimedes, wobei ihm seine Griechischkenntnisse zugute kommen. Und er erfindet eine Unterrichtsmethode für gehörlose Kinder. Untypisch für Mathematiker ist seine Virtuosität im Kopfrechnen: In den Protokollen der Royal Society aus der damaligen Zeit findet man Diskussionen über Wallis' Fähigkeit, im Kopf die Wurzel aus einer 53stelligen Zahl zu ziehen.


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