Kreationismus (auch Intelligent Design), die Lehre, dass die Entstehung der Lebensformen nicht durch ►Naturgesetze, sondern nur durch von einem ►Gott oder einer ►außerirdischen Intelligenz vollbrachte ►Wunder erklärt werden kann.

Im 19. Jahrhundert entstand der Kreationismus als Antwort auf die von Charles Darwin 1859 entwickelte Evolutionstheorie. Diese Theorie erklärt die Entstehung der Arten durch Vererbung genetischer Veränderungen. Was Religionsvertreter an Darwins Theorie so empörte, war nicht unbedingt die implizite Behauptung, der Affe sei dem Menschen genetisch verwandt. Es war vor allem der daraus folgende Widerspruch zum teleologischen ►Gottesbeweis des Thomas von Aquin. Die Evolutionstheorie war damit der letzte Puzzlestein eines vollständig naturwissenschaftlichen Weltbilds. Sie widerlegt Gott zwar nicht, machte ihn jedoch zur Erklärung der Welt überflüssig. Um das Übel an der Wurzel zu packen, verstand sich der Kreationismus selbst nicht als Religion, sondern als ideologiefreie Gegentheorie. Jedoch fand er, da eine Erklärung von Naturvorgängen durch Wunder seit der Neuzeit nicht mehr als wissenschaftlich galt, wenig Anhänger in der Naturwissenschaft.

Wenngleich Kreationisten in der Evolutionstheorie das Hauptübel sehen, lehnen sie mehrheitlich auch das gängige Modell von ►Universum und ►Urknall ab. Es gibt drei kreationistische Richtungen:

  • Junge-Erde-Kreationisten - die Hauptgruppe des Kreationismus - glauben an die Entstehung der Erde und der Lebensformen durch göttliche Schöpfung vor 6000 Jahren. Dieser Zeitpunkt* wurde im 17. Jahrhundert von Bischof James Ussher durch Zurückrechnen aller in der Bibel erwähnten Generationen bis Adam ermittelt.
  • Alte-Erde-Kreationisten akzeptieren zwar die natürliche Entstehung der Erde und das u.a. durch Isotopenmessung vom Uran-Blei-Zerfallsprozess ermittelte Erdalter von 4,55 Milliarden Jahren, glauben jedoch an die Erschaffung der Arten durch Gott.
  • Intelligent-Design-Kreationisten glauben im Prinzip das gleiche, ersetzen jedoch den Begriff 'Gott' durch 'Höhere Intelligenz', um ihre Unabhängigkeit von der Religion zu betonen. Dies hat seinen Ursprung in der amerikanischen Verfassung, welche Religionsunabhängigkeit der Gesetzgebung vorschreibt.

Zur Unterstützung ihrer Theorien führen Kreationisten nicht nur Bibelzitate, sondern auch ''wissenschaftliche' Argumente an. Junge-Erde-Kreationisten verweisen etwa auf das Vorhandensein von Erdöl in unterirdischen Lagerstätten oder das jährliche Wachstum des Mississippi-Deltas. Wäre die Erde älter als 6000 Jahre, so würde ihren Argumenten zufolge alles Öl längst versickert sein und das Mississippi-Delta mittlerweile bis nach Afrika reichen. Alte-Erde-Kreationisten verweisen auf die verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit, dass sich die Bausteine (Nukleotide) einer DNS von selbst so anordnen, dass ein Lebewesen entsteht. Zu den Beobachtungen in der Natur, die die kreationistische Weltsicht widerlegen - etwa dem Alter von ►Fossilien, der Verwandtschaft der irdischen Lebensformen in ihrem genetischen Code oder der Lebensdauer von Sternen im Universum - weisen Kreationisten darauf hin, dass diese Beobachtungen von der Wissenschaft falsch interpretiert wurden.

Hierzu unterscheiden Kreationisten zwischen zwei Arten von Wissenschaft. Angewandte Wissenschaft (operational science) ist ok, da sie der Bibel nicht widerspricht und der Menschheit nützliche Dinge wie Dampfmaschinen, Fernseher oder Mikrowellenherde beschert hat. Historische Wissenschaft (historical science) ist nicht ok, da sie Aussagen über die Vergangenheit macht und daher mit der wörtlichen Auslegung der Bibel im Konflikt steht. Als historical science gelten dabei nicht nur Geschichte und Archäologie, sondern auch die Physik (►radiometrische Datierung), die Astronomie (►Urknall) und natürlich die Biologie mit ihrer Evolutionstheorie. Eine detaillierte Aufstellung der typischen kreationistischen Argumente finden Sie unten in den Weblinks.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert hatte sich die Evolutionstheorie nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der allgemeinen Anschauung durchgesetzt. Lediglich ein Land widersetzte sich standhaft, nämlich die ►USA, die die Schöpfungsgeschichte der Bibel noch lange Zeit als eine Art Staatsdoktrin auffassten. Noch 1925 wurde im 'Scopes-Affenprozess' ein Biologielehrer in Kansas wegen Verbreitens der Evolutionstheorie zu einer Geldstrafe verurteilt**. Aus dieser Tradition heraus ist der Kreationismus ein weitgehend US-amerikanisches Phänomen.

Im Rest der Welt war die Evolutionstheorie inzwischen auch von den Hauptreligionen überwiegend anerkannt worden. Selbst der der Progressivität unverdächtige Papst Johannes Paul II. akzeptierte sie 1996 für die katholische Kirche***. Heutzutage gewinnt der Kreationismus im ►islamischen Fundamentalismus wieder Anhänger, hat aber sonst weltweit nur noch wenig Bedeutung. Ausgenommen sind allerdings noch immer die USA, deren Präsident das Lehren von Kreationismus im Schulunterricht befürwortet - nicht etwa 1925, sondern im August 2005.


* Präziser: Sonntag, der 23. Oktober 4004 v.Chr, 10:00 Uhr morgens.

** Allerdings ließ der in der Presse veröffentlichte Prozessverlauf den Kreationismus so lächerlich erscheinen, dass er sich von diesem Schlag nie mehr richtig erholte. 1926 wurde das Urteil dann auch wegen eines Formfehlers aufgehoben und - um zu vermeiden, dass sich die USA weltweit dem Spott preisgaben - eine Wiederaufnahme des Prozesses untersagt. 1968 entschied das höchste Gericht der USA endgültig, dass Evolutionstheorie an Schulen auch im Widerspruch zu lokalen Gesetzen gelehrt werden darf.

*** Johannes Paul II., Botschaft an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften, 22. 10. 1996

Weblinks zum Thema

■ Evolutionstheorie und Antievolutionismus
Answers In Genesis (Junge-Erde-Kreationismus)
Answers In Creation (Alte-Erde-Kreationismus, ID)
■ Talk.Origins (ausführliche Auseinandersetzung mit allen Kreationisten-Argumenten)
■ Mayr, Das ist Evolution (Standardwerk)

 

© Johann Christian Lotter   ■  Unendlichkeit  ■  BücherLinks  ■  Forum