Escher, Maurits Cornelius, niederländischer Grafiker, * 17. Juni 1898 in Leeuwarden, † 27. März 1972 in Laren. Man findet ihn in kaum einem Kunstkatalog, seine Bilder stehen in keiner Galerie; dennoch ist er einer der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Das Thema der meisten seiner Holzschnitte und Lithographien ist die Annäherung an die Unendlichkeit.

Escher wächst Anfang des 20. Jahrhunderts in dem holländischen Städtchen Arnheim auf. Schon in der Oberschule interessiert ihn abgesehen vom Zeichenunterricht der Schulstoff herzlich wenig. Konsequenterweise bleibt er zweimal sitzen und versagt beim Abschlussdiplom.

1919 wird er auf die Kunstschule nach Haarlem geschickt. Er soll dort Architektur studieren. Seinem Vater, einem Hydraulikingenieur, scheint dies eine gute Kombination aus künstlerischer Betätigung, für die sein Sohn offenbar begabt ist, und solider wissenschaftlicher Ausbildung. Bald allerdings stellt sich heraus, dass auch die Architektur Escher wenig Vergnügen bereitet. Er wechselt die Kurse und lässt sich von dem Kunstlehrer Samuel de Mesquita zum Grafiker ausbilden. Seine Spezialität ist der Holzschnitt, den er bald perfekt beherrscht.

1922 verlässt er die Kunstschule und wird Rucksackreisender. Mit zwei holländischen Freunden trampt er kreuz und quer durch Italien. Seine Motive findet er in der Architektur italienischer Bergdörfer und deren sich steil über Terrassen auftürmenden, würfelförmig ineinander verschachtelten Gebäude, verbunden durch lange Treppen, eingebettet in eine grenzenlos weite Karstlandschaft. Escher zeichnet Skizze um Skizze, um daraus Holzschnitte oder Radierungen zu fertigen. Es gibt nur schwarz und weiß, Licht und Schatten in seinen Bildern. Farben braucht Escher nicht.


Castrovalva, 1930*

1924 lernt er in einer italienischen Pension Jetta kennen, seine spätere Frau. Sie lassen sich in Rom nieder. Jedes Frühjahr bricht Escher zusammen mit anderen Malern auf, um in Campanien, den Abruzzen, Sizilien, Korsika oder Malta Motive zu sammeln und Skizzen zu machen. Den Rest des Jahres fertigt er Grafiken und Drucke. Ein perfektes Künstlerleben, wie es scheint. Allerdings mit zwei Wermutstropen. Escher kann von seiner Kunst nicht leben, der Vater muss ihn unterstützen. Und seit 1922 ist Mussolini an der Macht.

Escher interessiert sich nicht für Politik. Doch er hasst Fanatismus und Heuchelei. 1935 soll sein neunjähriger Sohn George in der Schule die Uniform der faschistischen Jugendbewegung tragen. Damit ist das Maß voll. Escher verlässt Italien und zieht mit seiner Familie in die Schweiz.

Dort findet er strukturlose Schneelandschaften unter einem düsteren Himmel; die Architektur ist regelmäßig, sauber und phantasielos. Escher kann nichts damit anfangen. Er sehnt sich nach dem Süden und dem Meer. 1936 schreibt er einen Brief an eine Schifffahrtsgesellschaft in Fiume. Sein Vorschlag: Ein Jahr lang dürfen er und seine Frau auf den Schiffen der Gesellschaft reisen; als Gegenleistung liefert er 48 Drucke von Skizzen, die er auf den Reisen anfertigen würde. Zu Eschers eigener Überraschung akzeptiert die Gesellschaft, bei der zweifellos bis dahin niemand je von ihm gehört hat, den Vorschlag.


Malta, 1936. Ein kleines Bilderrätsel: Welches Element aus
diesem Bild ist unendlich oft in diesem Wörterbuch zu finden?**

Die Schiffsreisen zwischen Italien und Spanien sind die letzten Motivreisen, die Escher unternimmt. Ein Jahr später zieht er zunächst nach Belgien und dann endgültig zurück in die kalten und regnerischen Niederlande. Äußerlich erscheint dies wie der Rückzug eines gescheiterten Künstlers. Escher ist jetzt knapp 40. Er hat keinen Namen in der Kunstwelt und lebt immer noch von Zuwendungen seiner Familie.

Aber all dies wird aufgewogen durch ein Erlebnis auf seiner letzten Reise. Escher begegnete der islamischen Kunst in der Alhambra in Granada. Der Islam verbietet bildliche Darstellungen. Seine Kunst ist nicht gegenständlich, sondern abstrakt; sie drückt keine Gefühle, sondern Ideen aus. Es ist jedoch nicht das Abstrakte, sondern die Vorstellung des Unendlichen in den periodischen Mustern der Wanddekorationen, die Escher fasziniert.


Metamorphose 1, 1938*

Bis dahin hatte er die sichtbare Wirklichkeit dargestellt, nun beginnt er mit Gedankenbildern zu experimentieren. Doch wie kann man das Unendliche im Bild darstellen? Nicht allein mit perspektivischen Methoden, denn diese erreichen nur eine Wiedergabe unserer endlichen Umgebung. Eschers erste Versuche sind Raumaufteilungen als Ausschnitte unendlicher Flächen. Diese bevölkert er nicht mit den abstrakten maurischen Ornamenten, sondern mit lebendigen Dingen – Fischen, Vögeln und Reptilien.

Seine mediterrane Städte und Landschaften bilden jetzt den Hintergrund für die Realisierung weiterer Ideen und Konstruktionen. Seine Hauptarbeitsmittel werden Zirkel, Lineal und Millimeterpapier – alles Dinge, die ein konventioneller Künstler mit Abscheu von sich weisen würde. Escher jedoch arbeitet an Studien von sich durchdringenden Welten, von Singularitäten, Metamorphosen und Zyklen.

Er weiß genau, dass die Kunstkritik mit seinen Experimenten nicht viel wird anfangen können. Daher überrascht ihn seine plötzliche Popularität in naturwissenschaftlichen Kreisen. Seine Drucke tauchen in Universitäten und Labors auf. Während er bisher Anregungen aus mathematischen Veröffentlichungen entnommen hatte, etwa Penroses 'unmögliche Figuren', dienen seine Grafiken jetzt umgekehrt als Illustrationen naturwissenschaftlicher und mathematischer Werken.

Folgerichtig kann Escher ab 1955 von Lizenzeinnahmen und vom Verkauf seiner Kunst leben. In dieser Zeit erforscht er eine neue Methode der Annäherung an die Unendlichkeit. In einem Buch des Mathematikers Coxeter findet er die Illustration einer nichteuklidischen Geometrie. Dies bringt ihn auf die Idee fraktaler Bilder, in denen sich das gleiche Muster in unterschiedlichen Größenmaßstäben als unendliche geometrische Reihe wiederholt.


Kreislimit IV, 1960*

Mittlerweile ist Escher über Europa hinaus bekannt. Er publiziert Bücher über Raumaufteilungen und Artikel über die Annäherung des Unendlichen. 1964 wird er zu einer Vortragsreise in den USA und Kanada eingeladen, die allerdings wegen einer Erkrankung nicht zustande kommt. 1965 wird ihm der Kulturpreis von Hilversum verliehen.

"Menschen können sich nicht vorstellen, dass der Strom der Zeit irgendwann endet. Für uns scheint die Zeit endlos weiterzufließen, auch wenn die Erde aufgehört hat sich zu drehen, auch wenn es keine Tage und Nächte, keine Sommer und Winder mehr gibt. Noch können wir uns vorstellen, dass irgendwo hinter den fernsten Sternen am Nachthimmel der Raum zu Ende ist, dass er eine Grenze hat, hinter der nichts mehr liegt. [...] Darum klammern wir uns an ein Trugbild, ein Jenseits, ein Fegefeuer, einen Himmel oder eine Hölle, eine Wiedergeburt oder ein Nirvana, ewig in der Zeit und unendlich im Raum."***

Escher stirbt 1972 in Laren in den Niederlanden. Sieben Jahre nach seinem Tod erhält er in Douglas Hofstadters Kultbuch "Gödel, Escher, Bach" (s. Literaturliste) die verdiente Würdigung als einer der ungewöhnlichsten und faszinierendsten grafischen Künstler des 20. Jahrhunderts.


* Die Rechte an allen Abbildungen liegen bei der M.C. Escher Company B.V., http://www.mcescher.com

** Schauen Sie unter Rekursion.

*** M.C.Escher, Approaches to Infinity, aus: Escher on Escher, Abrams 1989

© Johann Christian Lotter   ■  Infinity  ■  Links  ■  Forum