Dummheit, unendliche, von ►Einstein postulierte Eigenschaft eines Individuums oder einer Gruppe, aufgrund von Fehleinschätzungen oder aus kurzfristigem Eigennutz stets den eigenen langfristigen Interessen zuwiderzuhandeln*.

Entgegen der landläufigen Ansicht ist Dummheit keineswegs immer Folge mangelnder Intelligenz oder mangelnden Wissens. Intelligente und gebildete Menschen haben krasse Dummheiten begangen. Der Universalgelehrte ►Leibniz schlug zur Überwindung des Streits zwischen Reformation und Katholizismus die Wiederaufnahme der Kreuzzüge vor. Der Philosoph Heidegger begrüßte 1933 die Machtergreifung der Nazis, trat der NSDAP bei und versuchte sich als Führer-Ratgeber anzudienen. Der Raumfahrtpionier Herrmann Oberth war in seinen späten Jahren Mitglied der NPD. Freilich ist Dummheit zuweilen auch Programm. Der Dichter Peter Handke, um den es still geworden war, konnte sich in den 1990er Jahren durch öffentliche Verehrung des Kriegsverbrechers Slobodan Milošević wieder ins Gespräch bringen. Und Günther Grass, der Literaturnobelpreisträger, schaffte es mit Hilfe eines eines dummen politischen Gedichts sogar in die Topthemen der Fernsehnachrichten.

Mit der Dummheit leben

Dummheit ist in vielen Kulturkreisen negativ besetzt. Sie wird daher oft tunlichst verborgen. Nicht so im ►Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man dieser menschlichen Eigenschaft mit Toleranz und Wohlwollen begegnet und ihr mit Bedienungsanleitungen und Verpackungsaufdrucken Rechnung trägt, etwa:

  • "WARNUNG: Inhalt ist nach dem Kochen heiß" (Healthy Choice Fertiggericht)
  • "WARNUNG: Einnahme kann Müdigkeit verursachen" (Sleepinol Schlaftabletten)
  • "WARNUNG: Objekte im Spiegel befinden sich hinter Ihnen" (Cycle-Aware Rückspiegel)
  • "Nicht geeignet zum Transport von Kindern" (Rubbermaid luftdichte Plastiktonne)
  • "Nicht geeignet zum Waschen von Personen" (Alliance-Laundry Waschmaschine)
  • "Nicht hinunterschlucken" (1,5-Zoll-Angelhaken, unbekannter Hersteller)
  • "Nicht oral anwenden" (Toilettenbürste, unbekannter Hersteller)
  • "Packung nicht umdrehen" (Tesco's Tiramisu, aufgedruckt auf der Unterseite)
  • "Kind vor Zusammenklappen entfernen" (zusammenklappbarer Kinderwagen)
  • "Kleidung vor dem Bügeln ausziehen" (Goldstar Bügeleisen)
  • "Kleidung ermöglicht es nicht, zu fliegen" (Halloween-Supermankostüm)

Dummheit ist nicht auf menschliche Beispiele beschränkt, sondern auch im Tierreich anzutreffen - vor allem bei Tieren, die als intelligent gelten. Die Südindische Affenfalle besteht aus einer ausgehöhlten Kokosnuss, die an einen Baum angebunden ist. In der Kokosnuss steckt eine halbe Banane. Sie ist erreichbar durch ein kleines Loch, gerade groß genug für eine ausgestreckte Affenhand. Der Affe greift hinein und muss feststellen, dass er die geschlossene Faust mit der Banane nicht wieder hinausziehen kann. Er müsste die Banane loslassen, um freizukommen. Daran hindert ihn jedoch die Unfähigkeit, zwei Nachteile gegeneinander abzuwägen - oder vielleicht auch die Unwilligkeit, einen Fehler einzugestehen. So bleibt ihm nur, mit der Hand in der Kokosnuss auf den Affenfänger zu warten und sich zu sagen, dass so weit immer noch alles bestens läuft**.

Ganz falsch liegt der Affe damit nicht. Wie Schweizer Forscher 2008 herausfanden, ist Dummheit ein Evolutionsvorteil. Dumme Fruchtfliegen der Gattung Drosophila leben bis zu 30% länger als ihre intelligenteren Artgenossen. Als Ursache wird der höhere Energieverbrauch eines besser entwickelten Gehirns vermutet.


* Hier der im Vorwort versprochene Beweis, dass Einstein mit der unendlichen Dummheit Recht hatte. Es sei me die Zahl der eigennützigen Entscheidungen eines Individuums zu einem bestimmten Zeitpunkt, mi die Zahl der Entscheidungen, die davon dem langfristigen Nutzen förderlich, und mj die Zahl der Entscheidungen, die diesem hinderlich waren. Für das Maß der Dummheit D gilt dann

, woraus folgt

** Die Südindische Affenfalle existiert nicht wirklich - zumindest in Südindien ist sie unbekannt. Es handelt sich um eine urbane Legende, die durch ihre Erwähnung in R. Pirsigs Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten und durch eine afrikanische Variante in James Algars Film Die Wüste lebt eine größere Verbreitung erlangte. Die obige Darstellung ist somit fiktional, eine etwaige Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Affen wäre rein zufällig.

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