Christentum, pseudo-monotheistische Religion mit Glauben an einen ►Gott in den drei Gestalten des Schöpfers, des Christus und des Heiligen Geistes.

Das Christentum ist mit ca. 2.1 Milliarden Anhängern die größte Religion der Erde. Es wurde im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung von Paulus von Tarsus gegründet, der sich auf Lehren des jüdischen Rabbiners Jesus von Nazareth berief und diesen zum Gottsohn und Messias erklärte*. Paulus' Anhänger in Antiochia waren die ersten, die sich 'Christen' nannten. Die meisten christlichen Vorstellungen jedoch, etwa die Erbsünde, wurden weder von Paulus noch von Jesus, sondern erst von späteren Religionsführern eingeführt. Der Glaube an die Gottgleichheit Jesu und an die Dreieinigkeit entstand erst Jahrhunderte nach der Religionsgründung und wurde auf dem Konzil zu Nicäa (325) zum Dogma erklärt. Der Dreieinigkeitsglaube unterscheidet die christliche von allen anderen monotheistischen Religionen. In der Tat betrachten ►Muslime das Christentum deshalb oft als barbarische Vielgötterei.

Das Christentum ist eine Religion mit zahlreichen Paradoxa. Zunächst hat es das Problem, dass sein heiliges Buch, die Bibel, aus vielen teilweise einander widersprechenden Einzelschriften besteht. Bereits die beiden Welterschaffungsberichte am Beginn können sich über Methode und Ablauf der Schöpfung nicht einigen. Auch über ►Gott herschen sehr unterschiedliche Auffassungen. Während das Neue Testament das Bild eines liebenden, vergebenden Gottes zeichnet, ist der Gott des Alten Testaments weitgehend mit Rache- und Ausrottungsmaßnahmen beschäftigt**.

Analog zur Theorie verhielt sich die christliche Praxis. Zentrales Gebot der Lehren Jesu war die Liebe zum Nächsten; dennoch entwickelte sich die christliche Kirche zunächst zu einer der brutalsten ideologischen Institutionen der Menschengeschichte. Die Verfolgung von Nichtchristen begann bereits kurz nachdem das Christentum im 4. Jahrhundert römische Staatsreligion geworden war. Sie fand mit den sieben Orientkreuzzügen 1025 bis 1291 und den begleitenden Massakern an Einwohnern andersgläubiger, aber auch christlicher Städte ihren vorläufigen Höhepunkt. In Europa lebende Juden fielen christlichen Pogromen zum Opfer, Frauen der Hexenverfolgung, Abweichler der Inquisition. Allein der spanische Inquisitor Torquemada verurteilte zwischen 1460 und 1498 fast hunderttausend Menschen zu einem langsamen Tod auf den Galeeren und ließ zehntausend lebendig verbrennen. Die Christianisierung von Südamerika kostete Millionen der Ureinwohner das Leben. Sklaverei wurde von der Kirche in Wort und Tat befürwortet, eigene Kirchensklaven noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gehalten.

Reformation unter Druck

Das Christentum bewirkte einen tiefen Einschnitt in der Entwicklung von Kultur und Wissenschaft. Schriften der antiken Philosophen wurden teils von christlichen Eiferern zerstört, teils aber auch in Klosterbibliotheken gesammelt und so der Nachwelt erhalten. Erst die Bewegungen der Aufklärung und des Humanismus, aber auch das absolutistische Staatsverständnis ab dem 17. Jahrhundert boten der Kirche Widerstand und verdrängten sie schließlich aus den weltlichen Bereichen. Seitdem hat die christliche Kirche nach und nach eine positivere Rolle in der Welt eingenommen. Die Trennung von Kirche und Staatsmacht gab dem Christentum eine Chance zur inneren Reform und zur Rückbesinnung auf die ursprünglichen christlichen Werte.

Zurzeit ist das Christentum in vier Hauptkirchen und 34000 einzelne Gruppen und Sekten zersplittert, deren religiöse Auffassungen sich mitunter weit stärker unterscheiden als etwa Christentum und Islam. In Europa etwa entwickelt das evangelische Christentum einen immer abstrakteren Gottesbegriff und tendiert in die Richtung einer atheistischen Religion. Der gegenteilige Prozess ist in den Ländern der Dritten Welt zu beobachten. Dort ist das Christentum nach dem Islam die am zweitschnellsten wachsende Religion. Während vor hundert Jahren nur etwa 10% aller Afrikaner Christen waren, lag der Anteil 2003 bei 46%. Einige christliche Sekten fallen wieder durch besondere Grausamkeit auf, insbesondere die Lord's Resistance Army des christlichen Mystikers Joseph Kony in Norduganda, die nach Erkenntnissen des internationalen Gerichtshofs 1,6 Millionen Menschen durch Terror in die Flucht getrieben und zwanzigtausend Kinder versklavt hat. Ähnlich schnell wie in Afrika, jedoch ohne blutrünstige Begleiterscheinungen verbreitet sich das Christentum in den ärmeren Ländern Südostasiens. Hierbei haben die konservativsten Richtungen, wie Katholizismus oder Pfingstbewegung, wegen ihrer intensiven Missionstätigkeit den meisten Zulauf. Nach Hochrechnungen wird es im Jahr 2050 drei Milliarden Christen geben.

Das christlich-jüdische Weltbild der Bibel sieht kein unendliches Universum vor. Vielmehr ist die Welt endlich und allseitig von Wasser umgeben. Der Himmel ist ein Gewölbe, welches das Wasser davon abhält, auf die Erde zu fallen. Dies entspricht genau dem Weltbild der ►Babylonier, das dem Autor der Genesis offensichtlich als Vorbild diente. Im 13. Jahrhundert übernahm die christliche Kirche das Weltbild des Ptolemäus, im 19. Jahrhundert akzeptierte sie das kopernikanische Weltbild und im 20. Jahrhundert - zumindest außerhalb der USA - das geltende naturwissenschaftliche Weltbild.

Das Ende

Die christliche Lehre besagt keineswegs, wie oft angenommen wird, dass die menschliche Seele nach dem Tode das ewige Leben im Himmel erlangt. Nach der evangelischen ►Eschatologie war dies bisher erst einem vergönnt, nämlich Jesus Christus selbst. Der Glaube, dass der Mensch eine ►unsterbliche Seele habe, entstand lange nach Jesus' Tod und wurde erst 1515 n. Chr. auf dem 5. Laterankonzil zum christlichen Dogma erhoben. Dennoch enden mit dem Tod zunächst alles Denken, Fühlen, Wollen und Handeln. Erst am ►Jüngsten Tag werden die Toten von der Posaune des Gerichts aus ihren Gräbern gerufen. Dieses Gericht ist keins, wie wir es kennen, sondern der Endkampf zwischen Gott und Teufel. Die Analogie zu einer Gerichtsverhandlung wäre vielleicht eine Prügelei zwischen Verteidiger und Staatsanwalt. Da Gott jedoch zugleich Richter ist, steht der Ausgang bereits fest (der Teufel verliert). Die Anhänger Gottes treten dann in dessen Reich ein, wo das ewige Leben auf sie wartet. Nach der chiliastischen Lehre, der einige christliche Gruppierungen anhängen, geht dem Jüngsten Tag ein irdisches ►Tausendjähriges Reich unter der Herrschaft Jesu voraus.

Nach der katholischen Auffassung  findet unmittelbar nach dem Tod ein persönliches Vorgericht (Partikulargericht) statt. Hier werden unverbesserliche Sünder sowie Atheisten schon vor dem Jüngsten Tag zu einer unendlichen Zeit in der Hölle verurteilt. Reuige Sünder müssen lediglich die Wartezeit bis zum Jüngsten Tag im Fegefeuer verbringen, wo sie von ihren Sünden gereinigt werden, um dann bereit für Gottes Reich zu sein. Die Fürbitte Angehöriger sowie - im Mittelalter - das Bezahlen von Ablassbriefen kann die Zeit im Fegefeuer verkürzen. Heilige und Päpste hingegen kommen sofort in den Himmel.


* Das Christentum spaltete sich vermutlich im Rahmen eines Machtkampfs des charismatischen Predigers Paulus mit Jesus' Bruder und Nachfolger Jacobus vom Judentum ab. Jacobus war Verfechter eines strengjüdischen Fundamentalismus. Hinweise auf die damaligen Ereignisse finden sich in Teilen der Qumran-Rollen (Habakkuk-Fragment) sowie in dem Geschichtswerk des Eusebius von Caesarea, aber auch in der Bibel (Apostelgeschichte).

** Zwar läßt sich die Menge der laut Bibel von Gott direkt, per Befehl oder durch Anstiftung getöteten Männer, Frauen und Kinder nicht genau abschätzen, denn die Bevölkerungszahl vor der Sintflut oder die Einwohnerzahl von Sodom und Gomorrah ist unbekannt. Jedoch ergibt allein die Addition der in der Bibel explizit genannten Todeszahlen die imponierende Summe von 2.270.365 Opfern (s. Link unten).

Weblinks zum Thema

■ Hat die Bibel Recht?
■ Religions of the World
■ How many has God killed?
■ Kriminalgeschichte des Christentums

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